Die islamische Welt wird ja schon seit Jahren ganz offensichtlich als Feindbild aufgebaut, besonders seit 9/11 und den folgenden Kriegen. Die Kriegstreibenden versuchen, ihre (potentiellen) Kriegsgegner in den Augen der Öffentlichkeit zu diffamieren. So weit so normal. Besonders in Europa kommt noch eine starke fremdenfeindliche Komponente hinzu, auf die ich schon im vorletzten Posting eingegangen bin. Inzwischen sind wieder ein paar typische Fälle passiert:
Da wäre einmal das umstrittene Urteil einer deutschen Richterin, das eine vorzeitige Scheidung, also vor Ablauf der gesetzlichen Wartefrist von einem Jahr, die schon fast vorüber war, mit folgender Begründung ablehnte: „Für den marokkanischen Kulturkreis ist es nicht unüblich, dass der Mann gegenüber der Frau ein Züchtigungsrecht ausübt.“ Dabei bezog sie sich auch auf den Koran, und zwar auf eine Stelle, über deren genaue Bedeutung die islamischen Gelehrten schon lange streiten, viele aber daraus ein Züchtigungsrecht des Ehemannes ableiten. Diese Begründung halte ich für nicht sinnvoll, aber die Reaktionen darauf waren weit grotesker als die Begründung selbst. Dabei ist es wichtig, festzuhalten, was auch Peter Nowak dazu auf Telepolis schrieb: „[...] die Richterin hat ganz entgegen der öffentlichen Debatte, die Frau eben nicht ihrem prügelnden Ehemann ausgeliefert. Sie hatte gegen ihn vielmehr ein Näherungsverbot ausgesprochen.“ (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24921/1.html) Nachdem das Urteil mit einiger Verzögerung bekannt wurde, brach ein Empörungswelle von praktisch allen Seiten aus, alle politischen Richtungen und Moslemverbände eingeschlossen, die das Urteil ablehnten. Wie auch der ORF schreibt, beziehen sich die meisten Reaktionen „auf eine verkürzte Darstellung der Entscheidung der Richterin“ (http://www.orf.at/070323-10492/index.html). Wenn sich nun z. B. Leute wie Stoiber und Beckstein über die Vermischung von Religion und Justiz beklagen, obwohl sie eine biblische Urteilsbegründung wohl beklatscht hätten (vergleiche dazu auch den von ihnen geforderten Gottesbezug in der EU-Verfassung), dann kann man das nur Heuchelei nennen.
Falls es jemand übersehen hat: Auch ich halte die Urteilsbegründung für falsch, wie auch inzwischen die Richterin selbst. (http://diestandard.at/?url=/?id=2817543)
Dann ist da der Fall der 15 britischen Soldaten, die von iranischen Soldaten wegen angeblichen Eindringens in iranische Hoheitsgewässer verhaftet wurden. Dieser Vorfall ist eingebettet in ein komplexes Szenario, das den Irakkrieg, gegenseitige Provokationen von USA und Iran einschließlich der Verhaftung von iranischem diplomatischen Personal im Irak, den Atomstreit vor der UNO und die Drohungen Israels mit einem Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen, gegebenenfalls mit US-Unterstützung, beinhaltet, und das vor dem Hintergrund der geopolitischen Interessen der Supermächte an der Kontrolle des Öls im Nahen Osten und den Transportwegen durch den persischen Golf. Für den aktuellen Fall der Verhaftung gilt: nichts Genaues weiß man nicht, aber die Berichterstattung ist (natürlich) vorverurteilend. So schreibt der ORF heute, der Iran setze auf Propaganda (http://orf.at/070330-10753/index.html). Der Iran benutzt zwar wirklich Propaganda, und mir würde diese klare, euphemismusfreie Benennung sogar gefallen, aber die Propaganda der Briten und US-Amerikaner (und anderer) wird nicht als solche bezeichnet, was die Berichterstattung wieder unfair macht. Auch wurde immer wieder von den „GPS-Beweisen“ der Briten gesprochen (beim ORF, oder z. B. bei Telepolis: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24964/1.html), nur die Beweiskraft der britischen Angaben erschließt sich mir nicht. Auch wenn die Position der Briten bei ihrer Gefangennahme wirklich der von den Briten angegeben entspricht, besteht weiterhin das Problem, dass die Grenzziehung zwischen den Hoheitsgewässern überhaupt unklar ist, da sich Irak und Iran nie darauf geeinigt haben. (http://www.spiegelfechter.com/wordpress/98/blairs-schmierenstuck) Wenn nun das britische Außenministerium eine Karte mit Grenzlinien präsentiert, die so gar nicht existieren, um ihre Position zu untermauern, dann hat das nicht mehr Glaubwürdigkeit als die angeblichen Geständnisse der britischen Soldaten in iranischer Gefangenschaft. Beides ist eindeutig Propaganda, aber die Medien beurteilen solche Aussagen einseitig unvorteilhaft gegen den Iran.
Einen interessanten Artikel zu den Hintergründen dieser Affäre schreibt Jens Berger auf seinem noch jungen Blog spiegelfechter.com, den ich sehr schätze: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/94/cornwall. Seine Einschätzung erscheint mir vernünftig und nachvollziehbar. In der ZIB 2 hat heute der Leiter des Instituts für Nahost-Studien, Udo Steinbach, eine damit kompatible Einschätzung der komplexen Affäre dargelegt. Der Artikel ist übrigens ein schönes Beispiel dafür, welche Vorteile Blogs gegenüber kommerziellen Medien haben. Dieser Blogger hat auch einige sehr interessante Artikel zum Verhalten der Medien, insbesondere des früher renommierten Spiegels, gegenüber dem Iran und der betriebenen Kriegshetze verfasst: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/66/sprechen-sie-farsi-nein-unsere-medien-auch-nicht, http://www.spiegelfechter.com/wordpress/96/malzahn. |