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Mi, 04.10.2017 10:25
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Benoite Groult - Salz auf unserer Haut
 
 
Mi, 04.10.2017 10:25
 
II. Yvonnes Hochzeit

Ich hatte ein hellbeiges Kostüm aus Tussahseide an, das alles andere als provinziell wirkte, Schuhe mit Riemchen um die Fesseln, was meine (von der Natur sowieso freundlich bedachten) Beine vorteilhaft zur Wirkung brachte, und dazu kam jene ruhige, überlegene Ausstrahlung, die das Privileg von Menschen ist, die sich niemals wünschen mußten, anderswo zur Welt gekommen zu sein als in der weichen Wiege, die das Schicksal ihnen zugeteilt hat.

IV. Die zehn folgenden Jahre

Plötzlich entdeckte ich an mir eine ganz neue Fähigkeit zum Glück und eine unerwartete Bereitschaft zum Lachen und zum Leichtsinn. Das Härteste im Unglück ist nicht so sehr das Unglücklichsein als die Tatsache, daß man sich des Lebensminimums an Sorglosigkeit beraubt fühlt, der Zuflucht zum Lachen, besser noch zum rettenden Lachkrampf, der einen inneren Kurzschluß bewirkt und einen schnaufend zurückläßt, bis ein tiefer Seufzer die Spannungen endgültig löst. Das Unglück ist entsetzlich ernst.

V. Die fernen Inseln der Seychellen

Solange sie unter Menschen waren, wechselten sie nur ein paar belanglose Worte, warfen sich verstohlene Blicke zu, und ihre Verlegenheit wich allmählich jenem seltsamen juble, den sie nur zusammen empfanden: George Ohne-es und Lozerech hier auf den Seychellen, das konnte nur ein gewaltiger Scherz sein, über den sie als erste lachten.

VII. Disneyland

Jemand muß verrückt sein, dachte George, die sich von dem surrealistischen Ambiente vollkommen erdrückt fühlte: Entweder sind es die Bewohner all der europäischen Dörfer, die sich so einfältig um ihren Kirchturm scharen, mit ihrem Krämerladen und der Kneipe in einem, dem Schnapsbruder vom Dienst, dem Geruch nach frischem, warmem Brot auf der Straße vor der Bäckerei und dem alten Farbenhändler im grauen Kittel; oder aber es sind diese Mutanten hier, die endlos auf diesem monströsen Straßennetz aneinander vorbeifahren, das an Anlagen von elektrischen Spielzeugeisenbahnen erinnert, das gesäumt ist von Tausenden von Shopping-Centern, jedes für sich so groß wie der Tadsch Mahal, mit ihren Marmorbrunnen, ihren Glaswänden, ihren Kinos, in denn überall der gleiche Film gespielt wird, gefolgt von Wohngebieten, die aussehen, als seien sie gerade erst am Vorabend fertig geworden, so sauber und nackt wirken sie auf ihren Rasenflächen, die künstlicher aussehen als Teppichböden, anschließend Stadtzentren, wo dreißig Etagen hohe Mausoleen Tausende von pensionierten Paaren beherbergen, die unter luxuriösen Bedingungen auf den Tod warten; das Ganze umgeben von Einfamilienhäusern, deren hauptschmuck der geteerte driveway ist, der zur Dreifachgarage direkt an der Fassade führt, wodurch es möglich ist, das Auto zu besteigen, ohne durch den Garten zu gehen; die Gärten übrigens sind nur die Abstraktion eines Gartens: Keine einzige Blume, kein Liegestuhl, kein umgefallenes Kinderfahrrad ist da zu sehen, nur eine grüne Fläche, die durch ein unsichtbares Rohrsystem zweimal am Tag gesprengt wird, auch wenn es regnet, da die Anlage für die Saison durchprogrammiert ist.

„Das Flagler Museum ist seit 1906 in seinem ursprünglichen Zustand erhalten“, erwähnt der Führer ehrfurchtsvoll, als redete er von einem sehr alten, sehr edlen Jahrgang. Der Salon scheint aus dem Palazzo duccale in Mantua herausgelöst, die Decke aus der Giudecca in Venedig herausgerissen, die Wände sind präraffaelisch und die Badezimmer pompejanisch. Es sind echte Mosaiken, echte Gemälde, aber ihre Seele ist irgendwo unterwegs verlorengegangen. Alles ist von Unechtheit oder Lächerlichkeit geprägt.

„Ich hab‘ noch nie so was gesehen, und ich finde es toll. Mir macht das Spaß, als ob ich ein kleiner Junge wär‘, der noch nix anderes gesehen hat als den Zoo von Guidel und den Zirkus Martinez, der früher jeden Sommer auf Tournee durch die bretonischen Strandbäder ging!“ In der Tat, will George sagen, gesehen hast du noch nichts. Schlimmer noch, du hast noch nie etwas angeschaut.

VIII. Vézelay

Ich werde von Panik erfaßt, wenn mich eine Freundin anruft und mir sagt, sie habe einen unglaublichen Traum gehabt in der vergangenen Nacht, sie müsse ihn mir unbedingt kurz schildern, und ich würde verblüfft sein. Das bedeutet mit Sicherheit, daß ein langatmiger Bericht voller unbedeutender Episoden und einschläfernder Beschreibungen auf mich zukommt, denen die Träumerin außergewöhnliche Bedeutung beimißt und die sie für absolut unentbehrlich hält zum Verständnis. „Es war bei mir zu Hause, und gleichzeitig erkannte ich überhaupt nichts… Du weißt schon, was ich meine“… oder „Ich flog durch die Luft über die Stadt, als ob es das Natürlichste von der Welt wäre, verstehst du? Und du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, wie glücklich es mich machte…“

ein wenig reden wir über Politik, so lange, bis er einige seiner endgültigen Formulierungen losgeworden ist. „Schwätzer, lauter Schwätzer!“ oder: „Ein Haufen von Idioten, das sage ich!“ Manchmal kommt auch „Eine Horde von Opportunisten und Schweinen“, je nachdem.

Mit seinen eigenen Kindern geht’s ganz gut, zumindest mit den beiden ältesten, aber allmählich haben sie so viele Diplome, daß er gar nicht mehr weiß, was er mit ihnen reden soll. Ich wage es nicht, ihm zu gestehen, daß Loic sich voller Verachtung geweigert hat zu studieren und daß er in einem grünen Linksgrüppchen aktiv ist, wo man gegen die Gewalt, aber auch gegen jegliche produktive Arbeit ist, um die Umwelt nicht zu verschmutzen und nicht dazu beizutragen, diese abscheuliche Konsum- und Verschwendungsgesellschaft zu bereichern. Schwer, Lozerech beizubringen – wo er doch gerade erst in diese Sphären aufgestiegen ist –, daß unsere Zivilisation des Wohlstands zu verdammen sei.

Ein kindlicher Zug kehrt in sein Gesicht zurück, aber seine Augen scheinen weniger blau. Das gibt es, solche Wasseraugen, die verblassen, wenn sie auf dem flachen Land sind. Nur wenn sie das Blau des Meeres widerspiegeln, haben sie ihre ganze Leuchtkraft.

IX. Auf, auf, ihr freien Menschen

Ich hatte inzwischen die unheilvolle Manie, meine beiden Männer zu vergleichen, und ich entdeckte, daß Sydney niemals an meinem Körper als an etwas Einzigartiges gedacht hatte, und auch nicht an mich als eine unersetbare Frau. Mit Recht übriens. Ich gab ihm vollkommen recht, aber ich hatte den Vorzug genossen, einen von mir Besessenen zu erleben, und ich konnte mich nicht mehr so recht an vernünftige Gefühle gewöhnen.
Ich erkannte, wie sehr im Zusammenleben alles eine Frage des Blickwinkels ist: Die gleiche Geste kann ärgern oder rühren, je nachdem ob man nach einem Grund sucht, mit jemandem zu leben oder jemanden zu verlassen.

Aus verschiedenen Gründen hätte er mich mittlerweile ganz gerne geheiratet, aber inzwischen war mir jegliche Lust dazu vergangen. Schon der Gedanke, in meinem Alter plötzlich einen amerikanischen Namen zu tragen! Und dann die Sache mit der Fürsorge im Alter, die als Superpack mit der Institution Ehe verkauft wurde … das widerstrebte mir. Dabei war Sydney noch nie so zärtlich, noch nie so besorgt gewesen. Man geht als Paar selten im selbstverständlichen Gleichschritt!

X. The roaring Fifties

Und ich wußte auch, daß meine Mutter es gutgeheißen hätte, daß ich für zwei lebte. Auch sie war von dieser Lebensgier befallen gewesen, und nie konnte sie sich bereitfinden, an irgendeiner Front den Kampf aufzugeben. Man muß lernen, den andern manchmal untreu zu ein um es sich selbst gegenüber nicht zu sein: Das war einer ihrer Grundsätze.
Mit zwanzig hätte ich die Haartracht einer Tahitianerin besessen, sie habe mir bis zur Taille gereicht, versuchte ich glaubhaft zu machen, um mein Image aufzumöbeln, aber es war ihnen schnurzpiepegal und sowieso glaubten sie mir kein Wort. Ich habe häufig bemerkt, daß einem die andern nie abnehmen, daß man auch einmal jung gewesen ist. Sie glauben’s nicht wirklich. Sie tun so, aus Höflichkeit.
Mit zwanzig konnte ich ihn im Grunde nur verlassen, weil ich damals dachte, ich würde weitere Liebhaber dieses Kalibers finden. Inzwischen weiß ich, daß sie zu selten sind, als daß man hoffen könnte, zwei im Laufe eines Lebens zu entdecken.
Bei fortschreitendem Alter neigt man dazu, seine ehemaligen Ichs unter der Persönlichkeit, die man für die echte hält, zu ersticken. Aber in Wirklichkeit sind sie alle da und warten nur auf eine ermunternde Geste, um ans Tageslicht zurückzukommen in all ihrer arroganten Lebendigkeit.

Er kann es nicht fassen, daß ich ihn nicht auf der Stelle um seinen Schutz angefleht habe, und ebensowenig kann ich es fassen, daß er sich als der Besitzer meiner Ehre fühlt. Es gelingt mir nicht, ihm klarzumachen, daß man nicht ihn beleidigt, indem man mich betatscht, und daß eine an ihn gerichtete Klage bedeutet hätte, daß ich meinen Status als Objekt zwischen zwei rivalisierenden Typen anerkannt hätte Er hört mir zwar zu, aber der Zorn umwölkt seine Augen und hindert ihn daran, einer logischen Argumentation zu folgen. Ich fühle mich wie eine Stute in einem Western, die ein Pferdedieb mit dem Lasso einzufangen versucht hat. Mein armer Cowboy hingegen ist überzeugt, mir einen Beweis seiner Liebe geliefert zu haben, und so betrachten wir uns von den beiden Seiten eines Abgrunds aus.
 
Taube21Onlinestatus
 
Charlotte Roche - Schoßgebete
 
 
Di, 26.09.2017 13:31
 
Dienstag

Die glücklichsten Momente in meinem Leben sind, wenn ich wilde Tiere sehe. Das sind in meinem Fall meistens ganz normale deutche Waldtiere, weil ich ja nie weit wegfahren würde. Ich bin aus gegebenem Anlass gegen weite Reisen. Wenn ich ein Eichhörnchen sehe, bin ich noch glücklicher als nach dem Sex mit meinem Mann. Ich weiß nicht, warum wir dann eigentlich nicht eher auf dem Land leben, in der Nähe von einem Wald, wo ich die Chance hätte, mehr wilde Tiere zu entdecken. Diese starken Gefühle, die ich dann habe, wenn ich ein Reh oder ein Eichhörnchen sehe, sind überwältigend. Ich bin dann nicht mehr ich, und das ist wunderchön für mich. Die Zeit bleibt stehen, ich halte die Luft an und lächele. [...] Ich versuche das auch unseren Kindern zu vermitteln, das klappt aber leider überhaupt nicht. "Ja, ja, Mama, toll, ein Reh. Flipp doch aus." Ich kann nicht erklären, warum ich diese Glücksmomente nicht versuche zu vermehren, indem ich im Wald wandere oder eine Försterausbildung mache. Ich bin ein großer Anhänger von Glück durch Verknappung. Gerade weil es so selten ist, dass man ein wildes Tier sieht, macht es wahrscheinlich das Glück so riesig. Ich habe auch schon oft beobachtet, dass es bei anderen Erwachsenen genauso ist. Ich kenne viele Erwachsene in der Stadt, die völlig begeistert darüber berichten, dass sie ein Eichhörnchen in ihrem Garten gesehen haben. Und wenn es mehrmals kommt, reden sie sich ein, dass es ihre Nähe sucht!

Weihnachten muss ich das vor meiner kleinen Familie gut verbergen, dass ich meine Eltern dann am meisten vermisse. Aber jetzt nicht unbedingt genau diese Eltern. Sondern eher Eltern im Allgemeinen. Die Eltern einer Freundin von mir sagen ihr jedes Mal, wenn sie Weihnachten nach Hause kommt: "Boah, bist du dick geworden." Ich habe ihr geraten, einfach nicht mehr hin zu gehen, aber sie holt sich weiter jährlich ihre Dosis Selbsterniedrigung ab. Da komm ich nicht drüber. Kann bei ihr auch was mit dem Erbe zu tun haben. Ich glaube, wenn mein Mann nicht mit seinem Aufkreuzen in meinem Leben mein Erbe überflüssig gemacht hätte, würde ich da auch noch regelmäßig hintuckern. Ich glaube ganz fest daran, dass die Erbschafrt viele kranke Familien zusammenhält, dass sie die Kinder zur Selbsterniedrigung zwingt.

Meine Mutter will seit dem Unfall nichts Kritisches über ihre Person hören. Sie hält sich einfach die Ohren zu, wie meine beste Freundin, beide auch Telefonauflegerinnen. Das ist eben der Vorteil an so einem Schicksalsschlag, man hat danach einfach frei, was Kritik von anderen angeht. Aber wo jetzt der Unfall oder der Schicksalsschlag bei meiner Freundin liegt, hab ich nie rausfinden können. Sie wollen geschont werden. Darum gehen sie auch beide trotz Megaschaden nicht in Therapie, weil sie das einfach nicht aushalten, die Kritik, die man da hört über sich selbst.


Mittwoch

Ich muss mir die Welt in Gut und Böse einteilen, weil ich sonst unfähig werde, politisch zu sein. Wenn man alle Fürs und Widers und Ausnahmen von der Regel beachtet, ist man nachher so verwirrt, dss man gar nichts mehr macht. Gegen nichts. Wenn man aber die Menschen einteilt in gute und böse, Firmen in gute und böse, dann kann man auch was unternehmen. Man muss sich entscheiden, wogegen man ist. Was man gut findet. Und dann: Ran an die Buletten. Kämpfen gegen alles, was schlecht ist. Erst mal lernen, zu verzichten auf böse Sachen, dann den anderen erklären, dass sie mitmachen müssen. Wie in dem Lied von Michael Jackson, "Man In The Mirror": And if you wanna make the world a better place take a look at yourself and make a - change! Bei sich anfangen. Das ist am Anfang sehr schwer. Aber wenn man das einmal geschafft hat, zu entsagen, und daran gewöhnt man sich schnell, dann ist man in einem Heiligkeitsrausch. Ich, Umweltnonne.
 
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H.Murakami - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
 
 
Do, 29.12.2016 02:42
 
4

"<...> Aber ich will frei sein. Ich koche zwar ganz gern, aber berufsmäßig in einer Küche eingesperrt sein? Nein! Wenn ich mich darauf einließe, würde ich bald jemanden hassen."
"Wen denn?"
"'Der Koch hasst den Kellner, und beide hassen die Gäste'", sagte Haida. "Das kommt in dem Theaterstück Die Küche von Arnold Wesker vor. Menschen, denen man die Freiheit nimmt, hassen immer jemanden dafür. Meinst du nicht? So möchte ich nicht leben."

5

"Du wirst sicher bald nach Tokio an die Universität zurückkehren", sagte Midorigawa leise. "Dein normales Leben wieder aufnehmen. Und es ordentlich leben. So schal und flach es auch sein mag, allein schon es zu leben hat einen Wert. Das garantiere ich dir. Ohne Ironie oder Paradoxie. Aber für mich ist dieser Wert zur Last geworden. Und ich kann nicht mehr gut damit leben. Vielleicht bin ich von Natur aus nicht dazu geeignet Also verstecke ich mich an einem ruhigen, dunklen Plätzchen und harre aus wie eine sterbende Katze, bis meine Zeit kommt. Für mich ist das nicht schlecht. Aber du bist anders. Du kannst die Last tragen. Benutze den Faden der Logik, um dir den Wert des Lebens so fest wie möglich an den Leib zu nähen."

9

Unentwegt strömten die Menschen herbei, stellten sich unaufgefordert hintereinander an, bestiegen gesittet die Züge und ließen sich befördern. Am meisten beeindruckte Tsukuru die schiere Masse der Menschen auf dieser Welt. Es erschien ihm wie ein wahres Wunder, dass all diese Menschen in all diesen Zügen transportiert wurden, als wäre nichts dabei. Und dass jeder einzelne von ihnen irgendwoher kam und irgendwohin ging. Einen Ausgangspunkt und ein Ziel hatte.

11

"Allem Anschein nach eigne ich mich nicht zum Angestellten", fuhr Aka fort. "Man merkt so was ja nicht sofort. Bis ich von der Uni kam und eine Stelle fand, hatte ich keine Ahnung, dass ich diesen Charakter habe. Aber es ist tatsächlich so. Sobald ich von irgendwelchen Typen sinnlose Anweisungen bekomme, macht es bei mir klick, und ich kriege einen Wutausbruch. Solche Menschen können keine Angestellten sein. Also fasste ich den Entschluss, mich selbstständig zu machen."
Aka unterbrach seine Geschichte und betrachtete den neben ihm aufsteigenden violetten Rauch, als würde er fernen Erinnerungen nachhängen.
"Noch etwas habe ich gelernt, als ich Angestellter war: Die meisten Menschen empfinden keinen besonderen Widerwillen dagegen, Befehle von anderen entgegenzunehmen und auszuführen. Es ist ihnen sogar ganz lieb. Natürlich murren sie, aber das ist nicht ernst gemeint. Sie beschweren sich bloß aus Gewohnheit. Selbstständig zu denken, Verantwortung zu tragen und Urteile zu fällen verunsichert sie nur. <...>"

"<...> ... Ist das nicht unheimlich paradox? Im Laufe unseres Lebens entdecken wir immer mehr von unserem wahren Ich. Und je mehr wir davon entdecken, desto mehr geht uns verloren."
 
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Haruki Murakami - Von Männern, die keine Frauen haben
 
 
Do, 29.12.2016 02:17
 
Das eigenständige Organ

Tokais Freunde waren fast alle verheiratet und hatten Kinder. Tokai wurde häufig von ihnen eingeladen, aber kein einziges Mal empfand er Neid. Die Kinder waren, solange sie klein waren, recht niedlich, aber kaum kamen sie auf die Mittel- oder Oberschule, hassten sie ausnahmslos alle Erwachsenen, bereiteten aus Rache und Verachtung die peinlichsten Probleme und strapazierten erbarmungslos die Nerven und Verdauungsorgane ihrer Eltern. Andererseits hatten die Eltern nichts anderes im Sinn, als ihre Kinder auf renommierte Schulen zu schicken, und setzten sie ständig wegen der Noten unter Druck, und die Schuldzuweisungen und Streitigkeiten zwischen den Eltern hörten niemals auf. Die Kinder hüllten sich in verstocktes Schweigen, schlossen sich in ihre Zimmer ein, chatteten endlos mit ihren Klassenkameraden oder vertieften sich wie besessen in irgendwelche sinistren Pornospiele. Tokai verspürte nicht den geringsten Wunsch nach solchen Kindern. "Da kann man sagen, was man will, Kinder sind etwas Schönes", tönten unisono seine Freunde, aber mit solchen Slogans vermochten sie ihn nicht zu überzeugen. Wahrscheinlich sollte Tokai bloß die schwere Last, die sie trugen, ebenfalls zu spüren bekommen, weil sie willkürlich davon überzeut waren, dass alle Menschen auf der Welt die Pflicht hätten, die gleichen Scheußlichkeiten durchzumachen.


Samsa in Love

Als er erwachte, fand er sich in seinem Bett in Gregor Samsa verwandelt.
 
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Minette Walters - Der Außenseiter
 
 
Mi, 23.11.2016 14:11
 
2

Flughafen Heathrow, London
Mittwoch, 12. Februar 2003, 23 Uhr


Vielleicht spürte die Muslimin Jonathans Blick, denn sie sah auf, als sie näher kam. Das blassgrüne Kopftuch verhüllte Stirn, Wangen und Hals und nahm dem Gesicht wie beabsichtigt allen Reiz, und nicht zum ersten Mal fragte sich Jonathan, wie es kam, dass so viele Frauen bereit waren, sich zu verstecken, anstatt die Männer dafür verantwortlich zu machen, dass sie sich anständig benahmen. In diesen Zeiten legte das Kopftuch so offenkundiges Zeugnis vom Glauben einer Frau ab, dass es eine Gefahr war. Die gewohnte Verachtung für muslimische Männer wallte in Jonathan auf. Nicht nur verlangten sie von ihren Eherfrauen, dass sie allein die Verantwortung für ihre Keuschheit trugen - "eine Frau sollte verborgen sein, denn wenn sie ausgeht, sieht der Teufel sie an" -, sie waren auch noch zu feige, um ihren Glauben öffentlich zu zeigen. Wo war das Äquivalent des Schleiers für die Männer?
[...]
Er ließ seine Zigarette fallen und trat sie aus, während er der Frau mit einer Miene nachsah, die seinen Ärger zeigte. Er nahm zutiefst übel, was das Kopftuch aussagte: dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger sei. Angeschlagen vom Jetlag und zynisch nach einer Woche in New York, wo jede vernünftige Diskussion über einen Palästinenserstaat und die Probleme des islamischen Fundamentalismus unmöglich gewesen war, fand Jonathan seine Heimkehr tief entmutigend. Mochte Hiram Johnson gesagt haben, das erste Opfer des Krieges sei die Wahrheit. In Jonathans Augen war das erste Opfer die Toleranz. Für seine Begriffe war die Welt seit dem Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon verrückt geworden.


3

Highdown, Bournemouth
Donnerstag, 13. Februar 2003


"Machen Sie sich über mich lustig?"
"Nein."
"Das würde ich Ihnen auch nicht raten. Ich hab im Krieg meinen Kopf hingehalten, damit Leute wie Sie was werden können. Ich hab Orden dafür gekriegt."
Jonathan zog nachdenklich an seiner Zigarette. Das Vernünftigste wäre es gewesen, sich an einen der Tische zurückzuziehen, aber diese Genugtuung wollte er dem alten Raubein nicht geben. Er verabscheute das hohe Alter. Es zeichnete sich durch Ungezogenheit und Egozentrik aus und trug nichts zur Weiterentwicklung des Menschen bei. Im Gegenteil. Mit den maßlosen Forderungen, die es an die nächte Generation stellte, wirkte es sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft zerstörerisch.
 
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