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Mi, 05.08.2009 19:56
Do, 29.12.2016 02:42
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H.Murakami - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
 
 
Do, 29.12.2016 02:42
 
4

"<...> Aber ich will frei sein. Ich koche zwar ganz gern, aber berufsmäßig in einer Küche eingesperrt sein? Nein! Wenn ich mich darauf einließe, würde ich bald jemanden hassen."
"Wen denn?"
"'Der Koch hasst den Kellner, und beide hassen die Gäste'", sagte Haida. "Das kommt in dem Theaterstück Die Küche von Arnold Wesker vor. Menschen, denen man die Freiheit nimmt, hassen immer jemanden dafür. Meinst du nicht? So möchte ich nicht leben."

5

"Du wirst sicher bald nach Tokio an die Universität zurückkehren", sagte Midorigawa leise. "Dein normales Leben wieder aufnehmen. Und es ordentlich leben. So schal und flach es auch sein mag, allein schon es zu leben hat einen Wert. Das garantiere ich dir. Ohne Ironie oder Paradoxie. Aber für mich ist dieser Wert zur Last geworden. Und ich kann nicht mehr gut damit leben. Vielleicht bin ich von Natur aus nicht dazu geeignet Also verstecke ich mich an einem ruhigen, dunklen Plätzchen und harre aus wie eine sterbende Katze, bis meine Zeit kommt. Für mich ist das nicht schlecht. Aber du bist anders. Du kannst die Last tragen. Benutze den Faden der Logik, um dir den Wert des Lebens so fest wie möglich an den Leib zu nähen."

9

Unentwegt strömten die Menschen herbei, stellten sich unaufgefordert hintereinander an, bestiegen gesittet die Züge und ließen sich befördern. Am meisten beeindruckte Tsukuru die schiere Masse der Menschen auf dieser Welt. Es erschien ihm wie ein wahres Wunder, dass all diese Menschen in all diesen Zügen transportiert wurden, als wäre nichts dabei. Und dass jeder einzelne von ihnen irgendwoher kam und irgendwohin ging. Einen Ausgangspunkt und ein Ziel hatte.

11

"Allem Anschein nach eigne ich mich nicht zum Angestellten", fuhr Aka fort. "Man merkt so was ja nicht sofort. Bis ich von der Uni kam und eine Stelle fand, hatte ich keine Ahnung, dass ich diesen Charakter habe. Aber es ist tatsächlich so. Sobald ich von irgendwelchen Typen sinnlose Anweisungen bekomme, macht es bei mir klick, und ich kriege einen Wutausbruch. Solche Menschen können keine Angestellten sein. Also fasste ich den Entschluss, mich selbstständig zu machen."
Aka unterbrach seine Geschichte und betrachtete den neben ihm aufsteigenden violetten Rauch, als würde er fernen Erinnerungen nachhängen.
"Noch etwas habe ich gelernt, als ich Angestellter war: Die meisten Menschen empfinden keinen besonderen Widerwillen dagegen, Befehle von anderen entgegenzunehmen und auszuführen. Es ist ihnen sogar ganz lieb. Natürlich murren sie, aber das ist nicht ernst gemeint. Sie beschweren sich bloß aus Gewohnheit. Selbstständig zu denken, Verantwortung zu tragen und Urteile zu fällen verunsichert sie nur. <...>"

"<...> ... Ist das nicht unheimlich paradox? Im Laufe unseres Lebens entdecken wir immer mehr von unserem wahren Ich. Und je mehr wir davon entdecken, desto mehr geht uns verloren."
 
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Haruki Murakami - Von Männern, die keine Frauen haben
 
 
Do, 29.12.2016 02:17
 
Das eigenständige Organ

Tokais Freunde waren fast alle verheiratet und hatten Kinder. Tokai wurde häufig von ihnen eingeladen, aber kein einziges Mal empfand er Neid. Die Kinder waren, solange sie klein waren, recht niedlich, aber kaum kamen sie auf die Mittel- oder Oberschule, hassten sie ausnahmslos alle Erwachsenen, bereiteten aus Rache und Verachtung die peinlichsten Probleme und strapazierten erbarmungslos die Nerven und Verdauungsorgane ihrer Eltern. Andererseits hatten die Eltern nichts anderes im Sinn, als ihre Kinder auf renommierte Schulen zu schicken, und setzten sie ständig wegen der Noten unter Druck, und die Schuldzuweisungen und Streitigkeiten zwischen den Eltern hörten niemals auf. Die Kinder hüllten sich in verstocktes Schweigen, schlossen sich in ihre Zimmer ein, chatteten endlos mit ihren Klassenkameraden oder vertieften sich wie besessen in irgendwelche sinistren Pornospiele. Tokai verspürte nicht den geringsten Wunsch nach solchen Kindern. "Da kann man sagen, was man will, Kinder sind etwas Schönes", tönten unisono seine Freunde, aber mit solchen Slogans vermochten sie ihn nicht zu überzeugen. Wahrscheinlich sollte Tokai bloß die schwere Last, die sie trugen, ebenfalls zu spüren bekommen, weil sie willkürlich davon überzeut waren, dass alle Menschen auf der Welt die Pflicht hätten, die gleichen Scheußlichkeiten durchzumachen.


Samsa in Love

Als er erwachte, fand er sich in seinem Bett in Gregor Samsa verwandelt.
 
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Minette Walters - Der Außenseiter
 
 
Mi, 23.11.2016 14:11
 
2

Flughafen Heathrow, London
Mittwoch, 12. Februar 2003, 23 Uhr


Vielleicht spürte die Muslimin Jonathans Blick, denn sie sah auf, als sie näher kam. Das blassgrüne Kopftuch verhüllte Stirn, Wangen und Hals und nahm dem Gesicht wie beabsichtigt allen Reiz, und nicht zum ersten Mal fragte sich Jonathan, wie es kam, dass so viele Frauen bereit waren, sich zu verstecken, anstatt die Männer dafür verantwortlich zu machen, dass sie sich anständig benahmen. In diesen Zeiten legte das Kopftuch so offenkundiges Zeugnis vom Glauben einer Frau ab, dass es eine Gefahr war. Die gewohnte Verachtung für muslimische Männer wallte in Jonathan auf. Nicht nur verlangten sie von ihren Eherfrauen, dass sie allein die Verantwortung für ihre Keuschheit trugen - "eine Frau sollte verborgen sein, denn wenn sie ausgeht, sieht der Teufel sie an" -, sie waren auch noch zu feige, um ihren Glauben öffentlich zu zeigen. Wo war das Äquivalent des Schleiers für die Männer?
[...]
Er ließ seine Zigarette fallen und trat sie aus, während er der Frau mit einer Miene nachsah, die seinen Ärger zeigte. Er nahm zutiefst übel, was das Kopftuch aussagte: dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger sei. Angeschlagen vom Jetlag und zynisch nach einer Woche in New York, wo jede vernünftige Diskussion über einen Palästinenserstaat und die Probleme des islamischen Fundamentalismus unmöglich gewesen war, fand Jonathan seine Heimkehr tief entmutigend. Mochte Hiram Johnson gesagt haben, das erste Opfer des Krieges sei die Wahrheit. In Jonathans Augen war das erste Opfer die Toleranz. Für seine Begriffe war die Welt seit dem Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon verrückt geworden.


3

Highdown, Bournemouth
Donnerstag, 13. Februar 2003


"Machen Sie sich über mich lustig?"
"Nein."
"Das würde ich Ihnen auch nicht raten. Ich hab im Krieg meinen Kopf hingehalten, damit Leute wie Sie was werden können. Ich hab Orden dafür gekriegt."
Jonathan zog nachdenklich an seiner Zigarette. Das Vernünftigste wäre es gewesen, sich an einen der Tische zurückzuziehen, aber diese Genugtuung wollte er dem alten Raubein nicht geben. Er verabscheute das hohe Alter. Es zeichnete sich durch Ungezogenheit und Egozentrik aus und trug nichts zur Weiterentwicklung des Menschen bei. Im Gegenteil. Mit den maßlosen Forderungen, die es an die nächte Generation stellte, wirkte es sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft zerstörerisch.
 
Taube21Onlinestatus
 
Michel Houellebecq - Ausweitung der Kampfzone
 
 
Mo, 02.05.2016 17:08
 
Erster Teil
Fünf
Kontaktaufnahme

Trotzdem hatte ich auch die Gelegenheit, zu beobachten, dass sich die Menschen immer wieder gern durch ausgeklügelte, meist ärgerliche Variationen, Defekte, Charakterzüge und so weiter hervortun - natürlich um ihr Gegenüber zu nötigen, sie als vollwertige Individuen zu behandeln.


Elf

Ich habe Jean-Yves Fréhaut nie wieder gesehen; und warum hätte ich ihn auch wiedersehen sollen? Im Grunde waren wir uns nicht wirklich symphathisch gewesen. So oder so sieht man sich heutzutage selbst dann kaum, wenn die Beziehung voll Enthusiasmus beginnt. Manchmal kommt es zu atemberaubenden Gesprächen über allgemeine Aspekte des Lebens; manchmal findet sogar eine fleischliche Vereinigung statt. Natürlich tauscht man Telefonnummern aus, doch in der Regel ruft man sich selten an. Und selbst wenn man sich anruft und sich wiedersieht, nehmen Ernüchterung und Enttäuschung bald den Platz der ursprünglichen Begeisterung ein.
<...>
Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.


Zwölf

Ich habe so wenig gelebt, dass ich zu der Vorstellung neige, ich würde niemals sterben; kaum zu glauben, dass sich ein Menschenleben auf so wenig beschränken kann; trotzdem stellt man sich vor, dass doch noch etwas geschehen wird. Ein schwerer Irrtum. Das Leben kann durchaus leer und kurz zugleich sein. Die Tage gehen eintönig dahin, ohne eine Spur oder eine Erinnerung zu hinterlassen; dann, plötzlich, ist Schluss.


Zweiter Teil
Eins

Mir ist des Öfteren aufgefallen, dass außergewöhnlich schöne Menschen häufig bescheiden, freundlich, liebenswürdig, zuvorkommend sind. Es fällt ihnen schwer, Freundschaften zu schließen, zumindest unter Männern. Sie müssen sich ständig Mühe geben, ihre Überlegenheit, sei es auch nur ein klein wenig, vergessen zu machen.


Sechs
Rouen - Paris

Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information.


Zehn
Zwischenlandung
"Ja, wenn man Werte hätte..."

Die Liebe als Unschuld und Fähigkeit zur Illusion, als Gabe, die Gesamtheit des anderen Geschlechts auf ein einziges geliebtes Wesen zu beziehen, widersteht selten einem Jahr sexueller Herumtreiberei, niemals aber zwei. In Wirklichkeit zerrütten und zerstören die zahllosen, während der Zeit des Heranwachsens angehäuften sexuellen Erfahrungen jede Möglichkeit gefühlsmäßiger, romantischer Projektion. Nach und nach, tatsächlich aber sehr rasch, wird man so liebesfähig wie ein altes Wischtuch. Man führt dann unvermeidlich ein Wischtuchleben; mit fortschreitendem Alter wird man weniger verführerisch und in der Folge verbittert. Man ist eifersüchtig auf die Jungen und hasst sie daher. Dieser Hass, der uneingestanden bleiben muss, wird bösartig und immer brennender; schließlich mildert er sich und verlöscht, wie alles verlöscht. Es bleiben nur noch Verbitterung und Ekel, Krankheit und Warten auf den Tod.


Dritter Teil
Drei

Ich sage ihm gleich zu Beginn, dass ich in einer Depression bin; das lässt ihn zusammenzucken, aber bald hat er sich wieder gefasst. Dann plätschert das Gespräch eine halbe Stunde lang angenehm dahin, aber ich weiß, dass fortan eine unsichtbare Mauer zwischen uns steht. Er wird mich nie mehr als Gleichgestellten betrachten, schon gar nicht als möglichen Nachfolger; in seinen Augen existiere ich schon nicht mehr wirklich; ich bin gefallen.
 
Editiert von Taube21 am Mo, 02.05.2016 17:09
Taube21Onlinestatus
 
Thomas Bernhard - Wittgensteins Neffe
 
 
Mo, 02.05.2016 16:40
 
Er war der leidenschaftlichste Opernbesucher, den Wien je gehabt hat, das wissen die Eingeweihten. Er war der Opernfanatiker, der sich auch noch nach seiner totalen Verarmung und letzten Endes sogar Verbitterung, was nicht aufzuhalten gewesen war, den tagtäglichen Opernbesuch geleistet hat wenigstens auf dem Stehplatz, der Todkranke stand sechs Stunden Tristan durch und hatte am Ende noch die Kraft, so laut in Bravorufe oder in Pfiffe auszubrechen, wie keiner vor und keiner nach ihm im Haus am Ring. Er war als Premierenmacher gefürchtet. Er riß mit seiner Begeisterung, weil er damit ein paar Sekunden früher als die anderen eingesetzt hatte, die ganze Oper mit. Andererseits landeten mit seinen Erstpfiffen die größten und die teuersten Inszenierungen, weil er es wollte, weil er dazu gerade aufgelegt war, in der Versenkung. Ich kann einen Erfolg machen, wenn ich will und wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind und sie sind immer dafür gegeben, sagte er, und ich kann einen totalen Mißerfolg genauso machen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, und sie sind immer dafür gegeben: Wenn ich der erste bin, der Bravo schreit oder der erste, der pfeift. Die Wiener haben Jahrzehnte nicht gemerkt, daß der Urheber ihrer Operntriumphe letzten Endes der Paul gewesen ist, genauso der Urheber der Untergänge im Haus am Ring, die, wenn er es haben wollte, nicht radikaler, nicht vernichtender hätten sein können. Sein Für und Wider in der Oper hatte aber mit Objektivität nichts zu tun, nur mit seiner Launenhaftigkeit, mit seiner Sprunghaftigkeit, mit seiner Verrücktheit.


Wenn wir nicht total erschöpft gewesen wären, wären wir sicher auch noch nach Regensburg und nach München gefahren, und schließlich hätte es uns auch nichts ausgemacht, die Neue Zürcher Zeitung ganz einfach in Zürich zu kaufen, denn in Zürich, so denke ich, hätten wir sie mit Sicherheit bekommen. Da wir in allen diesen angeführten und von uns an diesem Tag aufgesuchten Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben, weil es sie in ihnen auch während der Sommermonate nicht gibt, kann ich alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte bezeichnen, die absolut diesen unfeinen Titel verdienen. Wenn nicht einen dreckigeren. Und es ist mir damals auch klar geworden, daß ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt. Man denke nur, daß ich die Neue Zürcher Zeitung selbst in Spanien und in Portugal und in Marokko während des ganzen Jahres in den kleinsten Orten mit nur einem einzigen windigen Hotel bekomme. Bei uns nicht! Und an der Tatsache, daß wir in so vielen angeblich so wichtigen Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben, selbst in Salzburg nicht, entzündete sich unser aller Zorn gegen dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land.


Ich habe die Wiener Kaffeehäuser immer gehaßt, weil ich in ihnen immer mit Meinesgleichen konfrontiert gewesen bin, das ist die Wahrheit und ich will ja nicht ununterbrochen mit mir konfrontiert sein, schon gar nicht im Kaffeehaus, in das ich ja gehe, damit ich mir entkomme, aber gerade dort bin ich dann mit mir und mit Meinesgleichen konfrontiert. Ich ertrage mich selbst nicht, geschweige denn eine ganze Horde von grübelnden und schreibenden Meinesgleichen. Ich meide die Literatur, wo ich nur kann, weil ich mich selbst meide, wo ich nur kann und deshalb muß ich mir den Kaffeehausbesuch in Wien verbieten oder wenigstens immer darauf Bedacht nehmen, wenn ich in Wien bin, unter keinen wie immer gearteten Umständen ein sogenanntes Wiener Literatenkaffeehaus aufzusuchen.
 
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