Mykonos
Taube21Onlinestatus
Links
Kalender
MODIMIDOFRSASO
1234567
891011121314
15
16
1718192021
22232425262728
293031
«Januar 2018
Text Suche
Blog Abo
Diesen Blog abonnieren
Blog Status
Online seit:
Mi, 05.08.2009 19:56
Mi, 04.10.2017 10:25
Einträge [40]
Kommentare [0]
Abos [0]
Zugriffe [8852]
 
Kategorie:
Admin:
Taube21Onlinestatus
Moderatoren: keine
 
www.sms.at/blogs
www.sms.at
   
Michel Houellebecq - Ausweitung der Kampfzone
 
 
Mo, 02.05.2016 17:08
 
Erster Teil
Fünf
Kontaktaufnahme

Trotzdem hatte ich auch die Gelegenheit, zu beobachten, dass sich die Menschen immer wieder gern durch ausgeklügelte, meist ärgerliche Variationen, Defekte, Charakterzüge und so weiter hervortun - natürlich um ihr Gegenüber zu nötigen, sie als vollwertige Individuen zu behandeln.


Elf

Ich habe Jean-Yves Fréhaut nie wieder gesehen; und warum hätte ich ihn auch wiedersehen sollen? Im Grunde waren wir uns nicht wirklich symphathisch gewesen. So oder so sieht man sich heutzutage selbst dann kaum, wenn die Beziehung voll Enthusiasmus beginnt. Manchmal kommt es zu atemberaubenden Gesprächen über allgemeine Aspekte des Lebens; manchmal findet sogar eine fleischliche Vereinigung statt. Natürlich tauscht man Telefonnummern aus, doch in der Regel ruft man sich selten an. Und selbst wenn man sich anruft und sich wiedersieht, nehmen Ernüchterung und Enttäuschung bald den Platz der ursprünglichen Begeisterung ein.
<...>
Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.


Zwölf

Ich habe so wenig gelebt, dass ich zu der Vorstellung neige, ich würde niemals sterben; kaum zu glauben, dass sich ein Menschenleben auf so wenig beschränken kann; trotzdem stellt man sich vor, dass doch noch etwas geschehen wird. Ein schwerer Irrtum. Das Leben kann durchaus leer und kurz zugleich sein. Die Tage gehen eintönig dahin, ohne eine Spur oder eine Erinnerung zu hinterlassen; dann, plötzlich, ist Schluss.


Zweiter Teil
Eins

Mir ist des Öfteren aufgefallen, dass außergewöhnlich schöne Menschen häufig bescheiden, freundlich, liebenswürdig, zuvorkommend sind. Es fällt ihnen schwer, Freundschaften zu schließen, zumindest unter Männern. Sie müssen sich ständig Mühe geben, ihre Überlegenheit, sei es auch nur ein klein wenig, vergessen zu machen.


Sechs
Rouen - Paris

Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information.


Zehn
Zwischenlandung
"Ja, wenn man Werte hätte..."

Die Liebe als Unschuld und Fähigkeit zur Illusion, als Gabe, die Gesamtheit des anderen Geschlechts auf ein einziges geliebtes Wesen zu beziehen, widersteht selten einem Jahr sexueller Herumtreiberei, niemals aber zwei. In Wirklichkeit zerrütten und zerstören die zahllosen, während der Zeit des Heranwachsens angehäuften sexuellen Erfahrungen jede Möglichkeit gefühlsmäßiger, romantischer Projektion. Nach und nach, tatsächlich aber sehr rasch, wird man so liebesfähig wie ein altes Wischtuch. Man führt dann unvermeidlich ein Wischtuchleben; mit fortschreitendem Alter wird man weniger verführerisch und in der Folge verbittert. Man ist eifersüchtig auf die Jungen und hasst sie daher. Dieser Hass, der uneingestanden bleiben muss, wird bösartig und immer brennender; schließlich mildert er sich und verlöscht, wie alles verlöscht. Es bleiben nur noch Verbitterung und Ekel, Krankheit und Warten auf den Tod.


Dritter Teil
Drei

Ich sage ihm gleich zu Beginn, dass ich in einer Depression bin; das lässt ihn zusammenzucken, aber bald hat er sich wieder gefasst. Dann plätschert das Gespräch eine halbe Stunde lang angenehm dahin, aber ich weiß, dass fortan eine unsichtbare Mauer zwischen uns steht. Er wird mich nie mehr als Gleichgestellten betrachten, schon gar nicht als möglichen Nachfolger; in seinen Augen existiere ich schon nicht mehr wirklich; ich bin gefallen.
 
Editiert von Taube21 am Mo, 02.05.2016 17:09
Taube21Onlinestatus
 
Thomas Bernhard - Wittgensteins Neffe
 
 
Mo, 02.05.2016 16:40
 
Er war der leidenschaftlichste Opernbesucher, den Wien je gehabt hat, das wissen die Eingeweihten. Er war der Opernfanatiker, der sich auch noch nach seiner totalen Verarmung und letzten Endes sogar Verbitterung, was nicht aufzuhalten gewesen war, den tagtäglichen Opernbesuch geleistet hat wenigstens auf dem Stehplatz, der Todkranke stand sechs Stunden Tristan durch und hatte am Ende noch die Kraft, so laut in Bravorufe oder in Pfiffe auszubrechen, wie keiner vor und keiner nach ihm im Haus am Ring. Er war als Premierenmacher gefürchtet. Er riß mit seiner Begeisterung, weil er damit ein paar Sekunden früher als die anderen eingesetzt hatte, die ganze Oper mit. Andererseits landeten mit seinen Erstpfiffen die größten und die teuersten Inszenierungen, weil er es wollte, weil er dazu gerade aufgelegt war, in der Versenkung. Ich kann einen Erfolg machen, wenn ich will und wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind und sie sind immer dafür gegeben, sagte er, und ich kann einen totalen Mißerfolg genauso machen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, und sie sind immer dafür gegeben: Wenn ich der erste bin, der Bravo schreit oder der erste, der pfeift. Die Wiener haben Jahrzehnte nicht gemerkt, daß der Urheber ihrer Operntriumphe letzten Endes der Paul gewesen ist, genauso der Urheber der Untergänge im Haus am Ring, die, wenn er es haben wollte, nicht radikaler, nicht vernichtender hätten sein können. Sein Für und Wider in der Oper hatte aber mit Objektivität nichts zu tun, nur mit seiner Launenhaftigkeit, mit seiner Sprunghaftigkeit, mit seiner Verrücktheit.


Wenn wir nicht total erschöpft gewesen wären, wären wir sicher auch noch nach Regensburg und nach München gefahren, und schließlich hätte es uns auch nichts ausgemacht, die Neue Zürcher Zeitung ganz einfach in Zürich zu kaufen, denn in Zürich, so denke ich, hätten wir sie mit Sicherheit bekommen. Da wir in allen diesen angeführten und von uns an diesem Tag aufgesuchten Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben, weil es sie in ihnen auch während der Sommermonate nicht gibt, kann ich alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte bezeichnen, die absolut diesen unfeinen Titel verdienen. Wenn nicht einen dreckigeren. Und es ist mir damals auch klar geworden, daß ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt. Man denke nur, daß ich die Neue Zürcher Zeitung selbst in Spanien und in Portugal und in Marokko während des ganzen Jahres in den kleinsten Orten mit nur einem einzigen windigen Hotel bekomme. Bei uns nicht! Und an der Tatsache, daß wir in so vielen angeblich so wichtigen Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben, selbst in Salzburg nicht, entzündete sich unser aller Zorn gegen dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land.


Ich habe die Wiener Kaffeehäuser immer gehaßt, weil ich in ihnen immer mit Meinesgleichen konfrontiert gewesen bin, das ist die Wahrheit und ich will ja nicht ununterbrochen mit mir konfrontiert sein, schon gar nicht im Kaffeehaus, in das ich ja gehe, damit ich mir entkomme, aber gerade dort bin ich dann mit mir und mit Meinesgleichen konfrontiert. Ich ertrage mich selbst nicht, geschweige denn eine ganze Horde von grübelnden und schreibenden Meinesgleichen. Ich meide die Literatur, wo ich nur kann, weil ich mich selbst meide, wo ich nur kann und deshalb muß ich mir den Kaffeehausbesuch in Wien verbieten oder wenigstens immer darauf Bedacht nehmen, wenn ich in Wien bin, unter keinen wie immer gearteten Umständen ein sogenanntes Wiener Literatenkaffeehaus aufzusuchen.
 
Taube21Onlinestatus
 
Mario Vargas Llosa - Das böse Mädchen
 
 
Do, 11.06.2015 04:57
 
V - Das Kind ohne Stimme

Warum bestand sie darauf, mich in gewissen Zeitabständen anzurufen? Weil ich wahrscheinlich in ihrem bewegten Leben einer der wenigen Fixpunkte war, der treue, verliebte Idiot, der immer da war, der auf den Anruf wartete, um der Herrin das Gefühl zu geben, daß sie noch immer war, was sie zweifellos immer weniger war, was sie bald nicht mehr sein würde: jung, schön, geliebt, begehrenswert. Oder brauchte sie vielleicht etwas von mir? Das war nicht unmöglich. Plötzlich hatte sich in ihrem Leben eine Leere aufgetan, die der arme Teufel füllen konnte. Und in ihrer eiskalten Art zögerte sie nicht, mich zu suchen, überzeugt davon, daß es keinen Schmerz, keine Demütigung gab, die sie mit ihrer unendlichen Macht über mich nicht in zwei Minuten Gespräch hinwegfegen könnte.
 
Taube21Onlinestatus
 
Ingrid Noll - Ladylike
 
 
Do, 14.05.2015 13:55
 
Wir [Anm.: Pensionisten] könnten schmuggeln, stehlen, dealen, morden, einbrechen, erpressen und kidnappen, soviel wir wollten, keiner hätte uns je in Verdacht. Niemand könnte eine Personenbeschreibung abgeben, denn man schaut uns seit Jahren nicht mehr an. Wir grauen Panther sind die unsichtbare Geisterarmee der Nation.
 
Taube21Onlinestatus
 
Daniel Kehlmann - F
 
 
So, 04.01.2015 22:43
 
Familie

Man meint, die Verstorbenen wären irgendwo aufbewahrt. Man meint, dem Universum blieben ihre Spuren eingeschrieben. Aber das stimmt nicht. Was dahin ist, ist dahin. Was war, wird vergessen, und was vergessen ist, kommt nicht zurück.

Von der Schönheit

In der mittelalterlichen Kunst entspricht das Aussehen der Menschen ihren Seelen: die Bösen hässlich, die Guten schön. Das neunzehnte Jahrhundert hat uns beigebracht, das sei Unsinn. Aber mit ein bisschen Lebenserfahrung merkt man, es ist gar nicht so falsch.

Was bedeutet es, mittelmäßig zu sein - plötzlich ließ die Frage mich nicht mehr los. Wie lebt man damit, warum macht man weiter? Was für Menschen sind es, die alles auf eine Karte setzen, ihr Leben dem Schaffen verschreiben, das Risiko der großen Wette eingehen und dann, Jahr für Jahr, nichts von Bedeutung zustande bringen?

Fälscher, die stolz auf ihre Arbeit sind, überschätzen genau wie alle Laien die Bedeutung des soliden Könnens: Handwerk kann jeder lernen, der nicht ganz ungeschickt ist und sich bemüht. Es hat schon seine Richtigkeit, dass es in der Kunst an Bedeutung verlor, es hat Sinn, dass die Idee hinter dem Werk wichtiger wurde als dieses selbst; Museen sind sakrale Institutuionen, die sich überholt haben, das sagt die Avantgarde seit langer Zeit und seit langer Zeit zu Recht.
 
Taube21Onlinestatus
 
 
ältere Einträge neuere Einträge
   
 
 
sms.at Haftungsausschluss: Die in diesem Bereich angeführten Inhalte stellen zur Gänze oder zum Teil fremd erstellte Inhalte unserer User dar. sms.at hat auf diesen Content keinen Einfluss und übernimmt keine Haftung hiefür. Wenn dich dieser fremde Content in deinen rechtlichen Interessen verletzt, ersuchen wir um Mitteilung an: kundenservice@sms.at